Interview: "Ich bin ein Nestbeschmutzer"

Hubert von Goisern im Interview

wienwebplus: Nach Deinen Ethno-Alben “Gombe” und “Inexil” hast Du Dich auf Deiner neuen Platte “Fön” wieder mehr heimischen Klängen zugewandt. Was war eigentlich Deine Motivation für den Ausflug in die Weltmusik?

HvG: Es waren eigentlich immer Begegnungen mit Menschen, die so schön und intensiv waren, dass ich mir gedacht habe, ich brauche dafür ein kreatives Ventil. Das hat mir aber auch sonst ganz gut reingepasst. Weil dadurch, dass ich mit österreichischer Volksmusik arbeite, habe ich das Image von jemandem, dem Tradition wichtig ist. Das stimmt auch. Ich mag aber nur nicht, dass das uminterpretiert wird. In: Nur weil mir Tradition wichtig ist, ist mir Österreich wichtig. Und wenn ich heute so überlege, dann hat mir das total in den Kram gepasst. Zu beweisen: Der Hubert ist nicht nur einer von uns. Sondern ich fühle mich den Menschen in Tibet und Tanzania genauso verbunden wie den Leuten in Goisern. Nicht mehr und nicht weniger.

wienwebplus: Du hast einmal den Begriff “Heimat” wie folgt definiert: “Heimat ist dort, wo man sich etwas zu kritisieren traut .” Wird man da nicht leicht zum Nestbeschmutzer?

HvG: Ja, aber das ist für mich nichts Neues. Seitdem ich in Goisern 1990 ein Open Air gespielt habe, bin ich dort Nestbeschmutzer. Das hängt damit zusammen, dass der wichtigste Förderer in meiner Jugend – ein sehr guter Musiker und Arrangeur – ein Schwuler war. Der ist daran zugrunde gegangen, weil er schwul und in Goisern zuhause war. Er hat sich so verstecken müssen, dass er mit 50 Jahren daran gestorben ist. Vor lauter Stress, dass irgend jemand dahinter kommen könnte. Und wie ich darüber gesprochen habe, dass ich das schade finde, dass man nur einen Teil seiner Persönlichkeit herzeigen darf, war plötzlich Feuer am Dach. Weil ich behaupte, in Goisern hätte es jemals einen Schwulen gegeben! Da bist du dann Nestbeschmutzer. Der Mann seiner Schwester hat mir dann sogar auf der Straße zugerufen: Das würde ja heißen, dass ich mit der Schwester eines Schwulen verheiratet wäre!

wienwebplus: Im Booklet zu Deinem neuen Album finden sich verschlüsselte Zitate eines weiteren Sohns von Bad Goisern, Jörg Haider. Warum verschlüsselt?

HvG: Weil ich ihm nicht das Forum geben wollte, dass der Blödsinn, den er von sich gibt, in meinem Booklet zum Nachlesen steht. Aber eigentlich ist es eine Geschichte, die erst im Nachhinein entstanden ist. Ich habe das Lied “Kålt” geschrieben, wo ich die einschmeichelnde und hypnotisierende Rhetorik von Politikern generell zum Ausdruck bringen wollte. Am besten du machst so etwas wortlos. Weil die Politiker-Rhetorik ist ja auch immer so ein aussageloses Gebrabbel, dass eigentlich nur schön klingt. Als ich dann die übrigen Texte ins Booklet geschrieben habe, habe ich überlegt: Was schreibe ich nun bei “Kålt” hin? Da singe ich ja keinen Text. Ich habe zunächst irgendwelche Zeichen hineingeklopft. Dann habe ich mir aber gedacht: Da kommt jetzt sicher irgendein Super-Vifzack auf die Idee, dass das eine codierte Geschichte sein könnte. Und versucht den Code zu knacken, findet aber nichts. Daraufhin habe ich mich eben entschlossen: Wer sich wirklich die Mühe machen will, der soll am Ende auch etwas dabei rauskriegen. Also habe ich wahllos Haider-Zitate genommen und codiert.

wienwebplus: Volkstümliche Musik ist in Österreich beliebt wie nie zu vor. Was sagst Du eigentlich zu einem Phänomen wie DJ Ötzi und seinem “Anton aus Tirol”?

HvG: Na ja. Es gibt diesen Spruch von Karl Kraus: Wenn die kulturelle Sonne sehr niedrig steht, dann werfen auch Zwerge lange Schatten. Man kann es den Zwergen nicht vorwerfen, dass sie Zwerge sind. Das ist erstaunlich und für mich eigentlich symptomatisch und ganz logisch, dass so etwas einen großen Erfolg hat. Es gibt an regional-identer Musik ganz, ganz wenig bis hin zu nichts. So dass, wenn einmal etwas daherkommt – selbst wenn es so seicht ist wie “Anton aus Tirol” – sich die Leute darauf stürzen. Nicht weil es so unglaublich toll ist. Sondern einfach in Ermangelung einer Alternative.

wienwebplus: Aber auch Hubert von Goisern will berühmt sein, oder?

HvG: Ich wollte seit frühester Kindheit Musiker werden. Ich habe mir aber dieses Ziel lange nicht zu verfolgen gewagt bzw. nicht dürfen, weil die Familie grundsätzlich dagegen war. Erst mit 27 Jahren habe ich mir gesagt: Jetzt bin ich in einem Alter, wo ich mir nicht mehr reinreden lassen brauche. Und in dem Moment, wo ich mich dazu entschlossen haben, war es für mich klar, dass ich kein anonymer Musiker sein möchte. Sondern ich will, dass sie die Leute auch hören. Ich habe einmal eine Vision gehabt. Ganz komisch, weil ich damals weit weg von Salzburg war. In der Vision gehe ich durch die Getreidegasse, und die Leute drehen sich nach mir um. Ich habe nicht gewusst, wie ich es anstellen soll, dass ich das erreiche.

wienwebplus: Volksmusik, Global Beats und auf der neuen Platte Anleihen beim Jazz. Was kann man von Dir als nächstes erwarten? Gibt es vielleicht ein Elektro-Album?

HvG: Die nächste CD ist fertig. Sie kommt im März und beinhaltet nur Volkslieder. Die übernächste habe ich eigentlich im Kopf. Und da möchte ich mich wieder einmal mit dem Computer spielen. Vor zwölf Jahren habe ich schon mit dem Atari gearbeitet und das reizt mich jetzt wieder.