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Nachrichten - Wien
30.4.2005
Herr Franz
"Symbiose zwischen Ober und Gast"
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1.10.2006
Lexikon
Kaffee ist nicht gleich Café
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© Bild Raffael Frick
Artikel aktualisiert 1.10.2006
Das Wiener Kaffeehaus ist eine kulturelle und gesellschaftliche Institution. Der Ober ist die Instanz, die diese Institution verwaltet und ihr Leben einhaucht.

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Latte Macchiato freie Zone

Das Wiener Kaffeehaus ist eine kulturelle und gesellschaftliche Institution. Der Ober ist die Instanz, die diese Institution verwaltet und ihr Leben einhaucht. Er ist Kommunikationsexperte, Seelentröster und Animateur in Personalunion. Der Herr Franz im Café Weidinger meistert diese Anforderungen mit Charme und Lässigkeit, denn bei ihm wurde der Beruf zur Berufung.

von Georg Widerin

Direkt am Lerchenfelder Gürtel bei der U6, im Dunstkreis des mediengeilen Adabei-Baumeisters Richard Lugner und seiner Einkaufs-City, befindet sich ein Altwiener Kleinod, das Café Weidinger. Die Decke und die Wände sind vergilbt. Die Farbe erinnert an ein schmutziges Schönbrunner Gelb, das eigentlich einmal weiß war. Der Vergleich mit der Farbe der Monarchie scheint nur auf den ersten Blick weit hergeholt. Denn hier ist immer Fin de Siecle. Stillstand auf hohem Niveau. Die historisch anmutende Patina in Kombination mit gut abgestandener Vergänglichkeit macht einen großen Teil des Charmes dieses alten Kaffeehauses aus. Die Einrichtung hat die besten Zeiten hinter sich. Doch das stört hier niemanden. Im Gegenteil. Jeder, der regelmäßig hierher kommt, hat die besten Zeiten immer dann, wenn er da ist.

Der Wiener Schmäh

"Soll ich die Wahrheit sagen? Es gibt nämlich keinen Ober, der nicht lügt. Ein guter Ober muss manchmal ein bisschen lügen. Und sei es nur, um die Gäste bei Laune zu halten und ihnen Komplimente zu machen." Die Brille um den Hals gehängt, weißes Hemd, schwarzes Jackett und schwarze Hose. Dies ist die Arbeitskleidung des Ober Franz im Cafe Weidinger. Aus der linken Hosentasche hängt ein leicht zernudeltes weißes Geschirrtuch. Lässig pfeifend und demonstrativ gut gelaunt nimmt er Bestellungen entgegen. "Zwei große Braune und einen kleinen Schwarzen", ruft er der Schankhilfe zu. Dann räumt er den Nebentisch ab. Das freundliche Lächeln hat etwas spitzbübisch verstohlenes. "Ich bin so wie der Papst. Bei mir sind immer alle zufrieden", kommentiert er einen Zuruf von einem alten Stammgast.

Ein Leben fürs Kaffeehaus

Im Café Weidinger ist der Herr Franz erst seit etwas mehr als einem Jahr. Zuvor war er 25 Jahre im Café Museum als Ober tätig. "Seit sie das Café Museum umgebaut haben, ist es nicht mehr das, was es einmal war. Das haben sie kaputtgemacht." Seit 1967 arbeitet Herr Franz als Kellner in diversen Wiener Kaffeehäusern. Er hat den Kellnerberuf von der Pieke auf gelernt. Er ist mit Leib und Seele Ober und liebt das Wiener Kaffeehaus.

Kartenspielen

"Sevas schena bua", tönt es dem Neuankömmling von einem der Kartenspielertische im hinteren Bereich des Cafés entgegen. Die Mitspieler schauen kurz auf, nicken dem neuen Gast lächelnd zu und spielen weiter. "Der schene bua" ist zwischen 60 und 70 Jahren, hat weißes Haar und ist sofort im Small Talk der Karten-Tippler integriert. "Franz, i kriag no an Kamüllen Tee mit zwa Stück Zucker", ordert einer der kartenspielenden Männer ein gesundheitsstärkendes Heißgetränk. "In Wien gibt es immer einen guten Grund ins Kaffeehaus zu gehen. Dort kannst du arbeiten, Zeitungen lesen, Karten spielen und Schmäh führen", führt Ober Franz aus.

Stammgäste

"Hallo Arthur! Was gibt's Neues? Gut schaust aus. Sehr fesch. Einen kleinen Schwarzen für den Arturio", lautet die Anweisung für die Thekenkraft. Über 80 Prozent der Gäste im Weidinger sind Stammgäste. Das schätzt Franz als Ober sehr. Denn die Kommunikation mit seinen Gästen ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit. Man gehe ein Stück des Weges mit den Gästen. Die Gäste wiederum schätzen es, wenn sie ins Café kommen und sich geborgen fühlen. Ein verlängertes Wohnzimmer. "Es ist wirklich super da. Vor allem kennt man mich schon hier. Der Ober Franz und die anderen Kellner merken sich, was ich immer bestelle. Wenn ich hierher komme, bekomme ich meine Melange ohne etwas sagen zu müssen", freut sich Erich W., einer der vielen Stammgäste.

Wenn er in Wien ist, geht er täglich ins Café Weidinger. Die Kellner sind, laut W., angenehmer als früher. Vor einigen Jahren galten die Weidinger-Kellner noch als die grantigsten und unfreundlichsten der ganzen Stadt. Was natürlich in gewisser Weise unter dem Prädikat wertvoll zu verstehen ist.
 
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