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11.6.2005
Steinbrener/Dempf
"Wem gehört der öffentliche Raum?"
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11.6.2005
Neubaugasse
Infos über die entschriftete Straße
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6.6.2005
Neubaugasse
Kunstprojekt verhüllt
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© Bild Jacqueline Kacetl
Artikel aktualisiert 12.6.2005
In der Neubaugasse ist dieser Tage Gelb die Trendfarbe Nummer eins. Von der Mariahilfer Straße bis zur Lindengasse sind sämtliche kommerziellen Zeichen mit gelbem Stoff oder gelber Folie abgedeckt.

Report
200 Meter Neubauer Gelb

In der Neubaugasse ist dieser Tage Gelb die Trendfarbe Nummer eins. Von der Mariahilfer Straße bis zur Lindengasse sind sämtliche kommerziellen Zeichen mit gelbem Stoff oder gelber Folie abgedeckt. "DELETE! Die Entschriftung des öffentlichen Raums", heißt die "begehbare Skulptur" der Künstler Steinbrener und Dempf. Die bekannte Einkaufsstraße wird zur werbe- und schriftfreien Zone - durch ein Kunstprojekt, das seinerseits massiv mit Werbung arbeitet.

von Gerhild Salcher

Seit dem vergangenen Montag und noch bis zum 20. Juni leuchtet die Neubaugasse gelb. Das Interesse der Passanten ist groß: Handys müssen spontan als Fotoapparate herhalten; ein Konsument in der Mariahilfer Straße hält seine Begleiterin mit den Worten auf: "Warte mal, ich will mir das noch schnell anschauen" und biegt in die Neubaugasse ein; bereits seit letzter Woche wird dicht in den Medien berichtet. Die Installation produziert Gesprächsstoff. Was den Künstlern mehr als Recht ist: "Wir wollen ja den Diskurs, und jetzt passiert er, genau in dem Raum, den wir geschaffen haben", betont der Künstler Christoph Steinbrener, der das Projekt zusammen mit dem Typografen Rainer Dempf entwickelt und verwirklicht hat.

Projekt mit Schrift

Angefangen hat alles damit, dass Steinbrener Ende 2003 mit der Idee zu Dempf kam, gemeinsam ein Projekt mit Schrift im öffentlichen Raum zu machen. Die Idee durchlief noch einige Mutationen, bis das heutige Konzept herauskam: Alle kommerziellen Zeichen in einer Straße, also Werbeaufschriften, Firmenlogos, Schilder und Piktogramme, werden abgedeckt. Die plötzliche Abwesenheit aller Zeichen soll "Orientierungslosigkeit provozieren", so liest man in einer Beschreibung des Vorhabens, aber auch das Überdeckte signalhaft hervortreten lassen und damit die Menge und Größe der Zeichen bewusst machen.

Die passende Gasse

Man ging auf die Suche nach einer für das Projekt geeigneten Straße. "Die Künstler haben zwei Parameter aufgestellt: Erstens durfte die Straße nicht zu groß sein, damit die verdeckten Flächen gut wirken; zweitens musste es eine gut frequentierte Straße sein", erklärt Helmut Mondschein, der Leiter des Wiener Einkaufsstraßen-Managements, das mit den Künstlern zusammenarbeitet. Es fand sich die seit langem in einem Verein organisierte Neubaugasse, die sich innerhalb der Wiener Einkaufsstraßen als "Straße der Spezialisten" positioniert.

Werbeeffekt

Alle Geschäftsleute der Neubaugasse stimmten der Durchführung von "DELETE!" zu. Es sei sensationell, dass die Geschäftsleute von einer künstlerischen Idee derart überzeugt seien, dass sie einer Verdeckung ihrer Geschäftsportale zustimmten, jubelt die Projektbeschreibung. Es darf aber wohl angenommen werden, dass der erwartete Werbeeffekt und damit der rollende Rubel bei dieser Bereitwilligkeit zumindest auch eine Rolle gespielt haben. Martin Stanits von der Wirtschaftkammer Wien, dem Hauptsponsor von "DELETE!", beschreibt es so: "Das ist ein innovatives Projekt, das Aufmerksamkeit erregen soll." Damit erreiche die Wirtschaftskammer "Marketing-Effekte" wie sie gleichzeitig auch "Kunstförderung" betreibe.

Ein künstlerisches Projekt, das sich im Ansatz gegen das Überhandnehmen von kommerziellen Zeichen im öffentlichen Raum richtet, bewirkt also Werbung für alle Beteiligten, und bewirbt sich gleichzeitig selbst. Ein Widerspruch?

Nicht gegen Werbung

Für die Künstler keineswegs. "Uns geht es nicht darum, ein Statement gegen Werbung abzugeben. Es geht um eine Bestandsaufnahme, um ein Markieren. Wir moralisieren nicht", stellt Steinbrener klar. Auch Dempf sieht das so: "DELETE!" wolle kein Statement gegen die Werbung abgeben, sondern "einfach Fragen stellen". Und da es ums Abdecken, nicht ums Löschen gehe, sei "DELETE!" im Nachhinein gesehen auch kein wirklich passender Titel.

Besser in blau?

Und die Reaktionen? Auf jeden Fall vielfältig. Während ein Passant findet, das Projekt passe gut in den siebten Bezirk, stellt eine Verkäuferin lakonisch fest, dass die 'Vergelbung' nur bis zur Lindengasse reiche, sei "schon ein bisschen wenig". In einem Posting auf der Website einer Tageszeitung beschwert sich jemand: "Das Bewerben dieser Aktion nimmt langsam die Ausmaße von Penetranz an. Ist das beabsichtigt?" Und auch um die Farbe geht es: "Blau wär' schöner gewesen", meint da jemand und schreibt es gleich auf eine der gelben Flächen in der Neubaugasse. Worauf eine ältere Dame darunter schreibt: "Oba wirkli ned".
 
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